Im Export liegen große Chancen

Experten referieren beim "Talk im Urbacher Wald" vor allem über die Hürden für Unternehmer bei Investitionen in China

Ein Riese ist erwacht. Trotz Asienkrise konnte China wirtschaftliche Stabilität und substanzielles Wachstum sicherstellen. Um von diesem großen Zukunftsmarkt des 21. Jahrhunderts profitieren zu können, möchten auch Unternehmen aus der Verbandsgemeinde Puderbach die Chancen fundierter Chinakenntnisse nutzen. Dazu referierten gestern einige Experten beim zweiten "Talk im Urbacher Wald".


Lauschten gespannt den Ausführungen der Referenten (von rechts nach links): Bürgermeister Wolfgang Kunz, Staatssekretär Günther Eymael, Landrat Rainer Kaul und Organisator Achim Hallerbach von HEAD. MARKETING-PARTNER in Raubach.
Foto: Jörg Niebergall

DERNBACH. Kenner der chinesischen Wirtschaft bestätigen, dass es beim Einstieg in den Markt auf zwei elementare Dinge ankommt: Kulturkompetenz und Systematik. Das heißt im Klartext: China kann nicht vom Schreibtisch aus und ohne die Hilfe chinesischer Mitarbeiter und Partner erschlossen werden. Dies war der Tenor beim gestrigen "Talk im Urbacher Wald" im Foyer der KBL Solarien AG in Dernbach.

Ralf Marohn, Leiter des Kontaktbüros China im rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium, wägte vor den 150 Zuhörern Chancen und Risiken für Mittelständler im Geschäft mit Partnern aus der Volksrepublik ab: "Chinas Wirtschaft wächst seit vielen Jahren in Raten von sechs bis neun Prozent. Wie lange dieses Tempo durchzuhalten ist und ob die Regierung es schafft, eine ,Überhitzung" der Konjunktur zu vermeiden, sind in Sachen Volksrepublik häufig diskutierte Themen." Doch für Marohn ist klar: "Gerade für neu investierende Mittelständler gilt: Ohne die frühzeitige Einschaltung fach- und vor allem landeskundiger Berater endet der Ausflug nach Fernost schnell als kostspieliges Abenteuer. Die kulturellen Hindernisse auf dem chinesischen Markt werden von den Investoren oft nicht genügend und vor allem nicht rechtzeitig bedacht."

Im Moment setzt die eingeschränkte Verfügbarkeit von Stahl auf den Weltmärkten und die begrenzten Kapazitäten der chinesischen Kraftwerke dem Wirtschaftswachstum natürliche Grenzen. Darüber hinaus bremst die chinesische Regierung den Konsum durch die Verknappung von Krediten, Zinserhöhungen und die Erschwerung des Imports von Luxusgütern - Stellschrauben, die Unternehmer beim Markteintritt in der Volksrepublik unbedingt bedenken sollten. "Im Hauruck-Verfahren sollte man den Eintritt nicht angehen", stellte Susanne Szczesny-Oßing aus Mündersbach klar. Die junge Geschäftsführerin der Firma EWM Hightec Welding GmbH stellte den zahlreichen Besuchern bei der zweiten Veranstaltung des "Talk im Urbacher Wald" anschaulich dar, wie ein deutscher Mittelständler im Spannungsfeld zwischen Ein-Parteien-Staat, krassen sozialen Unterschieden und voranschreitendem Wertewandel seine Wege im China-Geschäft erfolgreich beschreiten kann. "Eins ist klar: Geduld ist das A und O im Umgang mit den Chinesen."

Die Einleitung zum Thema gab Wirtschaftsstaatssekretär Günter Eymael. Er referierte genauso wie der Projektleiter des Euro Info Centre in Trier, Wolfgang Treinen und der Projektmanager der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz, Christoph Völker, zu der Frage, welche Chancen kleine und mittelständische Unternehmen haben, in ausländischen Märkten Fuß zu fassen.

Auch die Kommunalpolitik - Mitveranstalter und einer der Initiatoren der Veranstaltungsreihe ist die Verbandsgemeinde Puderbach - beteiligte sich rege bei der Veranstaltung. Landrat Rainer Kaul eröffnete die Veranstaltung mit kritischen Worten, Bürgermeister Wolfgang Kunz sprach das Schlusswort. Besonders das Thema "Plagiate" beschäftigte die Referenten und die Zuhörer. "Klar ist eins: Je technologieintensiver ein Produkt ist, desto schwieriger können es die Chinesen kopieren. Unsere Solarien sind Hightech-Produkte, deswegen habe ich beim Markteintritt in China keine Angst vor Plagiaten", stellte Gastgeber Klaus Lahr, Vorstand der KBL-Solarien AG in Dernbach, klar. Marcus Bölz

 

Den China-Boom nutzen


Viele deutsche Firmen wollen jetzt auch den asiatischen Markt erobern. China und Hongkong (Foto) liegen hoch im Kurs.

Unternehmen aus dem Puderbacher Land streben auf den wachsenden Markt - Firmen motivieren

Das Reich der Mitte ist auf dem Weg zur Weltmacht. Mit rund 1,3 Milliarden Menschen gilt die Volksrepublik als einer der letzten großen Wachstumsmärkte weltweit. Bei dieser Dynamik rückt der Markt auch für Betriebe aus der Verbandsgemeinde Puderbach in den Fokus des Interesses. Die Kommunalpolitik will mit einer Veranstaltung helfen, die Betriebe für den Handel mit China zu animieren.

DERNBACH. Das Leben in China hat sich gewandelt. Die Sucht nach Fortschritt hat das Land ergriffen und den Alltag ins Wanken gebracht. Staatsbetriebe werden privatisiert, die alten Plattenbau-Werkssiedlungen ersetzt durch Apartmentblocks und Bürotürme, die ihre Glasfassaden in den kohlenmonoxidgeschwärzten Himmel recken. Eine junge Elite, marktwirtschaftlich geschult und risikobereit, entdeckt die - und Risiken. Auch die Betriebe im Puderbacher Land können und wollen von dem Boom in der Volksrepublik profitieren.

Zu diesem Zweck veranstaltet die Verbandsgemeinde Puderbach in Kooperation mit der Mittelstandsförderung des Landkreises Neuwied am morgigen Dienstag im Foyer der KBL Solarien AG auf dem Gelände des Dernbacher Industriegebietes "Urbacher Wald" eine Podiumsdiskussion mit einer Expertenrunde. "Diese Veranstaltung soll vor allem als eine Plattform für Geschäftskontakte dienen und die Firmen in der Verbandsgemeinde dazu motivieren, die Chancen auf dem chinesischen Markt offensiv anzugehen", erklärt Bürgermeister Wolfgang Kunz den Sinn dieser Veranstaltung.

Willy Breidohr, der Geschäftsführer der Firma Afflerbach aus Puderbach, ist von der Veranstaltung überzeugt. "Bisher haben wir keine Geschäftskontakte nach China. Unsere Auftragsbücher sind zurzeit auch so gut gefüllt. Dennoch sind wir natürlich interessiert am Exportgeschäft. Und warum sollten wir in Zukunft unsere Böden und Verschlüsse nicht auch nach China exportieren?", fragt Breidohr. "Kontakte zu knüpfen und mit potenziellen Partnern ins Geschäft zu kommen, kann bestimmt kein Fehler sein. Deshalb bin ich der Kommunalpolitik ganz dankbar, dass solche Veranstaltungen organisiert werden."

Die Zahlen sprechen dabei für sich. Chinas Wirtschaft produzierte im Jahr 2005 laut chinesischem Handelsministerium einen Handelsüberschuss von 75 Milliarden Euro. Die Volksrepublik importierte im selben Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 543 Milliarden Euro, was einem Plus zum Vorjahr von 18 Prozent entspricht.

"China ist ein Markt, in dem wir noch nicht vertreten sind, die Betonung liegt aber auf ,noch nicht"", sagt Klaus Lahr, Vorstand der KBL-Solarien AG in Dernbach. "Denn ab April werden wir auch in diesem Land unsere Produkte vertreiben. Gerade mit diesem Markt haben wir uns sehr intensiv beschäftigt. In China muss man mehr bieten als nur Bräune, die Chinesen legen sehr viel Wert auf Wellness und auf die Gesundheitsaspekte."

Doch nicht nur in China kann Geld verdient werden. Wenn deutsche Touristik-Manager an chinesische Reisegruppen denken, geraten sie ins Schwärmen: Die seien "das größte Konjunkturprogramm für die weltweite Reisewirtschaft" und für Deutschland ein "unschätzbares" Potenzial, befand jüngst der Präsident des Bundesverbandes der Tourismuswirtschaft, Klaus Laepple. Tatsächlich könnten die Chinesen die Deutschen und US-Amerikaner bereits im Jahr 2020 als reiselustigste Völker überholt haben. Einer Studie zufolge werden dann pro Jahr rund 115 Millionen zahlungskräftige chinesische Touristen im Ausland unterwegs sein. Wenn nur ein verschwindend minimaler Teil davon auch ins Puderbacher Land reisen würde, können sich Hotelbetreiber der Verbandsgemeinde die Hände reiben.

"Wir spüren das schon seit einer Weile. Es kommen immer mehr Gäste aus dem asiatischen Raum. Das tut uns gut. China ist ein wichtiger Wachstumsmarkt", sagt Therese Franz, Mitinhaberin des "Country Hotels" in Dernbach. "Es sind vor allem die Geschäftskontakte der Firmen in der Region, die Gäste aus dem asiatischen Raum in unser Hotel bringen. Wir profitieren alle direkt vom Engagement der Firmen in China." Marcus Bölz

 

Risiken im Vorfeld genau analysieren

Experte rät Mittelständlern vor allem zum vorsichtigen Agieren auf dem fremden Markt


Dr. Jörg-Meinhard Rudolph
ist China Experte.

Dr. Jörg-Meinhard Rudolph war Gründungspräsident der Deutschen Handelskammer in China, ist Dozent am Ostasieninstitut der Fachhochschule in Ludwigshafen und langjähriger Beobachter der Volksrepublik. Als Kenner des Landes mahnt er vor zuviel Euphorie im Umgang mit China.

Herr Rudolph, Sie haben viele Mittelständler in China investieren sehen. Was sollten die Unternehmer dabei bedenken?

Sie brauchen einen langen Atem und müssen am Anfang gewaltig Geld investieren - ohne die Sicherheit zu haben, tatsächlich Gewinne einzufahren. Am meisten Geld pumpen ausländische Investoren nach China. Mit denen Geschäfte zu machen auf chinesischem Boden, ist nach meiner Erfahrung immer einfacher, als direkt in der Volksrepublik zu investieren. Und ganz wichtig: Alles funktioniert auf persönlicher Ebene. Bauen Sie Kontakte zu den Funktionären auf. Schaffen Sie Vertrauen zu den Menschen und versuchen Sie, ihre Kultur zu verstehen - sonst fliegt man in diesem Markt schnell auf die Nase. Die Firmen sollten im Vorfeld genau analysieren.

Wie funktioniert die chinesische Volkswirtschaft in groben Zügen?

Politik und Wirtschaft sind in einer Hand. Die gesellschaftlichen Unterschiede sind gigantisch und für uns Europäer nicht nachvollziehbar. Es existiert auf dem Papier Rechtssicherheit - doch es gelten kaum Persönlichkeitsrechte. Wenn man sich mit Funktionsträgern in die Nesseln setzt, sieht man kaum noch Land. Es kann aber auch alles glatt ablaufen. Und richten Sie sich als Unternehmer darauf ein, dass Ihre Produkte kopiert werden.

Wie beurteilen Sie den Umgang mit Menschenrechten in der Volksrepublik?

Immer noch sehr kritisch. Wer nicht mitzieht oder etwas Unpopuläres vertritt, der hat keine Chance. Ich glaube auch nicht, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändert. Unschön, aber wahr: Sprechen Sie als Unternehmer bei Verhandlungen in China nicht das Thema an, sonst werden Sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keinen wirtschaftlichen Erfolg haben.

Warum sollte man dennoch in China investieren?

Weil die Chinesen faszinierende, humorvolle und fleißige Menschen sind - und weil es bei allen Hürden auch die reelle Chance auf langfristigen Erfolg gibt.

Die Fragen stellte Marcus Bölz